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18/66 – Who the fuck are Harold and Maude?“: Liebe ohne Generationenvertrag

Foto: Karl-Heinz Bärtl

Dem Filmvorbild abgeschaut: Maude (Ann Dargies) klaut ein Auto, Harold (Konrad Büttner) kann sich kaum halten.
Am Ende geht die Geschichte doch noch zu Herzen. Harold knetet ein rotes Plüschherz, und Maude sackt zusammen. Die alte Dame, die wir aus dem Kino kennen, ist tot, der lebensmüde Junge aber will jetzt leben. Die schwarze Komödie „Harold und Maude“ von Hal Ashby avancierte 1971 als Liebesgeschichte über Generationen hinweg zum Kultfilm. Wenn die Darmstädter Gruppen „Transit“ und „Lakritz“ diese Vorlage nun im Theater Mollerhaus aufgreifen, dann ist die nonkonformistische Romanze so fern wie der makabre Witz. Michaela Bochus und Regisseurin Carola Unser haben eine Textvorlage erarbeitet, die nur stellenweise auf das Drehbuch zurückkommt, bisweilen eine Stoffsammlung in Schlagworten ist und immer wieder skeptisch Distanz sucht zu den allzu bekannten Figuren. Schon der rotzige Titel „18/66 – Who the fuck are Harold and Maude?“ markiert diese reservierte Haltung. Vorbei die Zeit, als ein wohlstandsvereinsamtes Bürgersöhnchen und eine Hippie-Oma von bald 80 solidarisch gegen das Establishment der Eltern Zärtlichkeiten und Lebensweisheiten austauschten. Wenn immer weniger Junge für immer mehr Alte die Rente erwirtschaften sollen, entzieht die demografische Entwicklung dem Generationenvertrag die Basis: aktueller Anlass für einen rauen Grundton bei der Premiere gestern Mittag im Theater Mollerhaus. Ann Dargies (Transit) ist die Schauspielerin Margot, Konrad Büttner (Lakritz) der junge Kollege Henry. In einem Fotostudio suchen die zwei Schauspieler einen Filmklassiker, geraten dabei aneinander, springen von der einen in die andere Rolle, vom Gestern zum Heute, von der Bühne zum Film und zurück. Man kann sich in dieses Theater im Theater nicht hineinfallen lassen wie in einen Film, dafür inszeniert Carola Unser zu viele Sprünge und Brüche ins Spiel, an denen der Zuschauer sich stoßen muss, reiben soll. So hält die Regie über 70 Minuten die Liebe in Schach und die Debatte unter Spannung. Henry ist hip mit Hut und offenbar im falschen Film: Dachte, er kommt zu einem Casting für Promotion, und soll jetzt eine Hommage an einen Hollywooderfolg spielen: „Das ist ja so viel Siebziger“, seufzt Henry, und Konrad Büttner steigert die Schärfe schnell und deutlich. Henry ist giftig und bockig, provokant und unflätig. Zwischen Kapitalismuskritik und Rentenpessimismus wächst sein Zorn, während Ann Dargies die Attacken mit sanfter
Arroganz abwehrt: „In 30 Jahren sind wir sowas von in der Überzahl.“ Jung und Alt hauen sich Parolen um die Ohren. Aus der schrägen Lovestory wird wütendes Thesentheater – vom zornigen jungen Mann aufgeputscht, erst spät vom Charme der alten Dame besänftigt. Margot präsentiert mit lässiger Selbstverständlichkeit ihre „Cellulite par excellence“ und kanzelt den stänkernden Kollegen mit seiner „B-Klassen-Off-Ausbildung“ ab. Nein, „die größte Liebesgeschichte seit King Kong und die weiße Frau“, die anfangs angekündigt wurde, erfüllt sich hier nicht. Aber über ihre Träume und Ängste nähern sich Jung und Alt dann doch noch an: Er hatte schon als Kind Yoga für Hyperaktive und war auf einem technisch-humanistischen Bilingual-Gymnasium, sie hat Alzheimer im Frühstadium und wünscht sich eine Beerdigung im Blauen Eichenholz-Sarg mit Musik von Frederic Chopin und Lyrik von Rainer Maria Rilke. Irgendwie tun sich die beiden dann offenbar so leid, dass sie sich hopplahop ineinander verlieben, was hier nicht Melodrama, sondern Farce wird: die Liebe ohne Generationenvertrag. Hinter einem Wandschirm fliegen die Klamotten, es steigen Seifenblasen auf, und dann tanzt Harold mit Maude zur Schlagerschnulze „Ti amo“. Nur nicht sentimental, bloß nicht poetisch werden. Schon ist Harold wieder Henry, Maude wird Margot, Konrad Büttner weist das Publikum auf ein Blog zum Stück hin („Was werdet ihr ändern?“), und Ann Dargies ist beim Abgehen schon mittendrin in der Nachbesprechung ihres Auftritts. Es ist ein Abgang fern von Hollywood und gar nicht so weit weg von Brecht: Nur dass dieses Theater offensiv ratlos bleibt, aufrüttelnd, aber nicht belehrend.

Artikel des Darmstädter Echos

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